Über das Geben – und das Annehmen

Auf ins Abenteuer!

Letzte Woche haben wir beschlossen, am Wochenende mal wieder in die Berge zu gehen. Da es doch ein relativ kurzfristiger Entscheid war, musste alles ziemlich schnell gehen. So habe ich am Freitagmorgen im Eiltempo Schlafsack, Matte, Stirnlampe und Regenschutz gepackt, für Verpflegung unterwegs gesorgt und schliesslich auf die letzte Minute noch eine Wanderkarte für die geplante Route gekauft. So ging es am Freitagmittag los in Richtung Bündner Berge. Als wir im hintersten Bergdorf eines Seitentals ankamen, konnte das Wochenende endlich starten. Wir machten uns mit unseren vollbepackten Rucksäcken auf den Weg in Richtung Berghütte, die noch ca. 1000 Höhenmeter von uns entfernt war. Ich wusste, dass mich ein anstrengender Aufstieg erwartete.

Ein Engel auf Rädern

Kurz nachdem wir losgelaufen waren, hielt plötzlich ein kleiner Jeep neben uns. Darin sass ein Bergbauer. In seinem Mundwinkel hing eine Krumme, im Inneren des Wagens die Reste von Heu und Staub. Ob er uns mitnehmen soll, wollte er wissen. Wir schauten uns an und waren uns sofort einig. Nachdem die Rucksäcke im Kofferraum verstaut waren, ging es los. Im ersten Gang mit 30 km/h den Berg hinauf. Immer wieder murmelte er Fragen vor sich hin, die wir beim ersten Mal nicht verstanden. Wo wir hinwollen, wollte er nach einigem Nachfragen in seinem deutlichsten Schweizerdeutsch wissen. Rauf zur Carschinahütte, war unsere Antwort. Ob wir das nochmal wiederholen könnten, er höre so schlecht. Ich konnte ein Lachen nur schwer unterdrücken; Da sassen wir bei einem fremden Bauer im Auto, wir verstanden ihn kaum und er konnte uns ebenfalls kaum hören.

Berührung mit dem Herzen eines Bergbauern

So fuhren wir weiter gemächlich den Berg hinauf. Das Brummen des Motors und die schöne Berglandschaft, in der wir uns befanden, holten mich langsam aber sicher voll und ganz in diesen besonderen Moment, ins Jetzt. Im urchigsten Schweizerdeutsch regte er sich über entgegenfahrende Fahrzeuge auf, fragte sich, wie lange der kleine Lieferwagen hinter uns ihm wohl noch am Hintern kleben wolle. Ich lächelte. Wie schön es doch war, dass uns dieser Bauer für einen kurzen Moment an seinem Leben teilhaben liess. Schliesslich kamen wir beim letzten Restaurant des Dorfes an. Spätestens hier haben wir damit gerechnet, dass es nun zu Fuss weitergehen würde. Weit gefehlt. Auf einem schmalen Bergweg ging es immer weiter hinauf. Trotz einigen Schwierigkeiten bei der Verständigung begann er zu erzählen. Er sei hier in diesem kleinen Bergdorf aufgewachsen. Vor kurzem habe er seinen Bauernhof an den Sohn weitergegeben, murmelte er mit einer leisen Wehmut in der Stimme. Ab und zu fahre er noch den Berg hinauf, um dem wenigen Vieh zu schauen, dass er hier oben noch habe.

Die Kunst, etwas einfach anzunehmen.

Während der ganzen Fahrt habe ich überlegt, wie wir uns für diese Fahrt revanchieren können. Ob ich ihm etwas Geld in die Hand drücken solle beim Aussteigen. Oder ob wohl ein liebgemeinter Handschlag reiche? Nach gut 20 Minuten Fahrt endete schliesslich die Bergstrasse. Beim Aussteigen zeigte er uns den Weg quer über die Blumenwiese. Da hinauf, anschliessend kämen wir direkt zum „Touristenweg“. Ich drehte mich zu ihm um und reichte ihm meine Hand. Als ich mich bei ihm bedankte, begannen seine Augen zu strahlen. Ich bedankte mich für die unterhaltsame Fahrt, für die vielen Höhenmeter Wandern, die er uns erspart hat. Er lachte über das ganze Gesicht und ich spürte, dass ihm dieser Handschlag mehr bedeutete, als jegliches Geld. Es sei ihm eine Freude, solch nette Menschen den Berg hinaufzufahren, murmelte er. Als er nach einer gefühlten Ewigkeit meine Hand losliess und uns verabschiedete, spürte ich, wie tief diese Begegnung mein Herz berührte. Dass es nicht immer darum geht, sich mit Materiellem zu bedanken. Dass man manchmal mit Aufmerksamkeit und Wärme einen Menschen glücklicher macht, als Materielles das je könnte. Und dass es manchmal auch einfach darum geht, etwas anzunehmen. Ohne Gegenleistung.

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