Leichtes Gepäck

Unser Traumhaus

Phu, wir haben es geschafft. Während den letzten 6 Jahren sind wir nun zum 5. Mal umgezogen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir von zu Hause aus- und in unsere erste gemeinsame Wohnung eingezogen sind. Viele Möbel haben wir von zu Hause mitbekommen, den Rest haben wir uns voller Begeisterung in einem grossen schwedischen Möbelhaus besorgt. Ohne uns gross Gedanken zu machen haben wir alles angeschafft, was wir für einen eigenen Haushalt zu brauchen glaubten. Vor zwei Jahren sind wir in einen Hausteil gezogen, der etwas abgelegen aber trotzdem in der Nähe unserer Familien lag. 5 ½ Zimmer Wohnfläche. 2 riesige Hobbyräume, eine Werkstatt, ein grosser Garten mit Teich, Gartenhäuschen, Obstbäumen. Wir haben Freunde eingeladen, die allesamt bei uns übernachten konnten, haben Grillabende veranstaltet, haben gejätet, gepflanzt, gewerkelt und gebastelt. Dieses Haus war ein Traum, ohne Zweifel.

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt

Vor fast einem Jahr hat sich dann unsere berufliche und damit die finanzielle Situation ziemlich verändert. Obwohl ich mir geschworen hatte, dort nie wieder wegzugehen, war es an der Zeit, die eigenen Prioritäten zu überdenken. Nach langem Hin und Her haben wir uns schliesslich entschieden, dieses schöne Fleckchen Erde zu verlassen und ein neues Kapitel in unserem Leben aufzuschlagen. So sind wir von über 120qm Wohnfläche wieder im Kinderzimmer meines Freundes gelandet. Ich muss heute noch lachen wenn ich an diese verrückte Entscheidung denke.

Die verstaubten Ecken im Keller

Bevor es aber soweit war, war es an der Zeit, auszumisten. Und zwar so richtig. Jeder Gegenstand wurde genau beaugapfelt. Einige kamen in unsere „Brauchen-wir-unbedingt-zum-Überleben-Kiste“ und sehr viele andere landeten direkt im Abfallsack. Möbel wurden aussortiert, einige haben wir weiterverschenkt, andere waren nach der vielen Züglerei so instabil, dass sie ebenfalls beim Abfallentsorger gelandet sind. Einige wenige haben wir behalten. Dieses Aussortieren war gar nicht so einfach. Immer wieder hielt ich Dinge in der Hand, von denen ich mich nur schwer lösen konnte. Selbstgekauftes, dass ich ja irgendwann noch brauchen könnte. Oder Geschenke. „Das hat mir mein Mami aus dem Urlaub mitgebracht.“ oder „Das war das letzte Geschenk, das ich von meiner verstorbenen Tante bekommen habe.“ waren meine Gedanken dabei. Alles Dinge, die einen grossen emotionalen Wert für mich haben. Die Menschen, die mir am Herzen liegen mit viel Liebe für mich ausgesucht haben – die aber schlussendlich nur in einer Kiste im Keller verstauben.

Zwischen Gewissen und Vernunft

Noch heute lässt es mich nicht kalt wenn ich daran denke, wie schwer es sein kann, sich von Dingen zu lösen. „Was für eine Verschwendung, das alles einfach wegzuwerfen.“ habe ich mir oft gedacht. Ja, es ist definitiv eine Verschwendung. Doch die Verschwendung beginnt bereits, wenn wir uns diese Dinge kaufen. Ich war völlig schockiert als sich herausgestellt hat, dass wir über 1 Tonne Abfall entsorgt haben. Über 1 Tonne. Wahnsinn, oder?  Doch wo kommen wir hin, wenn wir einfach alles immer behalten? Wenn der Berg im Keller immer grösser wird, wir immer mehr Dinge haben, die wir eigentlich gar nicht brauchen? Liebe ich mein Mami weniger, wenn ich ein T-Shirt in die Altkleidersammlung gebe, das mir eigentlich schon lange zu klein ist? Verblassen die Erinnerungen an meine Tante schneller, wenn ich den letzten Pullover den sie mir geschenkt hat, inzwischen verwaschen und ausgeleiert, nicht mehr trage und weggebe? Nein, auf keinen Fall. Die Erinnerungen bleiben, die Emotionen bleiben und wichtig ist doch, dass wir die Zeit wertschätzen, die wir mit unseren Liebsten haben. Dass wir Zeit schenken, Erinnerungen schenken, die uns keiner mehr nehmen kann. Dass wir uns Zeit nehmen für Menschen die uns wichtig sind. Dass wir uns Zeit nehmen, mal anzurufen oder eine SMS zu schreiben. Dass wir uns Zeit nehmen, bewusst an unsere Verstorbenen zu denken und in Erinnerungen zu schwelgen. Wir brauchen dafür keinen Berg von Gegenständen, welcher uns schlussendlich nur eine schlechtes Gewissen bereitet, weil er ungenutzt im Keller liegt.

Es reist sich besser mit leichtem Gepäck

Seit etwas mehr als einem Monat wohnen wir wieder alleine. In einer 2 ½ Zimmerwohnung. Knapp 60qm. Bad, Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer. Unsere Möbel haben alle Platz gefunden, unser Hab und Gut ist mehr oder weniger verstaut. Wir haben alles was wir zum Leben brauchen und noch mehr. Mit dem Einzug in unsere kleine Wohnung hat sich einiges verändert. Vor allem aber mein Kaufverhalten. Ich achte darauf, nur noch Dinge zu kaufen die ich wirklich brauche. Und das war so richtig wenig in letzter Zeit.

Ich denke gerne zurück an die schöne und glückliche Zeit, die wir in unserem gemütlichen Haus hatten. Doch glücklich bin ich auch heute. Und freier. Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck.

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